Offener Brief zur Berichterstattung um den Büroleiter-Skandal bei Philipp Amthor

von Hennis Herbst und Michael Noetzel

Neben den Erklärungsversuchen von Philipp Amthor, haben auch einige Nachrichteneinträge um den Büroleiterskandal irritiert. So zum Beispiel die Berichterstattung des Nordkuriers.[1] Dort wird als Kronzeuge zur Verharmlosung rechtsextremer Burschenschaften ein rechtsextremer Burschenschaftler auf 5 Absätzen angeführt. Der AfD-Fraktionsvorsitzende im Landtag Nikolaus Kramer. Dieser beschwichtigt, verharmlost und diskreditiert die Kritik an Amthors Verbindung zur Burschenschaft Markomannia. Derselbe Nikolaus Kramer ist Mitglied genau dieser Burschenschaft und kann dementsprechend kaum als neutrale Quelle für die politischen Einstellungen von Burschenschaften angeführt werden. Kramer ist Markomanne. Die Greifswalder AfD-Fraktion, die von Kramer geführt wird, zählt mehrere Fraktionsmitglieder aus den Reihen der Burschenschaft. Da wird also ein Rechtsextremer dazu befragt, ob die Organisation deren Mitglied er ist, eigentlich rechtsextrem oder problematisch ist. So wenig journalistischen Tiefgang gibt es selten. Die moritz.medien haben als studentische und ehrenamtliche Plattform schon im letzten Jahr eine bessere journalistische Recherche liefern können.[2]

Aber auch in der Berichterstattung der Ostseezeitung erstaunt die Einschätzung eines Vertreters des Zentrums für demokratische Kultur.[3] Demnach ist die Burschenschaft als „konservativ-nationalistisch, aber nicht als Ganzes extremistisch“ zu bezeichnet. Dann soll man wohl beruhigt sein: in der Markomannia gibt es nur teilweise Extremismus. Wie diese Burschenschaft nur teilweise rechtsextremistisch sein kann, wird nicht erklärt. Dabei zeichnen sich diese patriarchalen Männerbünde selbst als traditionell und mit einem starken Gemeinschaftsbegriff aus. Auch der Unterschied zwischen Burschenschaften und anderen Studentenverbindungen wurde in der Berichterstattung nicht beleuchtet. Studentenverbindungen sind zwar häufig rechts-konservativ, bezeichnen sich selbst aber als unpolitisch. Burschenschaften verfolgen explizit einen politischen Anspruch unter dem Slogan „Ehre, Freiheit, Vaterland“. Dieser politische Anspruch findet sich auch bei der Markomannia:

2019 waren Martin Sellner und Erik Lehnert bei der Markommania in Greifswald zu Gast.[4] Sellner als führendes Mitglied der Identitären Bewegung und Lehnert als Kopf eines rechten Thinktanks sind zentrale Figuren der „neuen Rechten“. Auch der Verfassungsschutz ist schon auf diese und eine weitere Burschenschaft auf Greifswald aufmerksam geworden.[5] Erst kürzlich war Andreas Kalbitz, der 2020 aus der AfD aufgrund der Mitgliedschaft bei der neonazistischen „Heimattreue Deutsche Jugend e. V.“ ausgeschlossen wurde, in der Burschenschaft Rugia zu Gast, wo auch Markomannen regelmäßig verkehren.[6] Beide Burschenschaften sind im Dachverband „Deutsche Burschenschaften“ organisiert, der die Einführung eines Ariernachweises diskutiert hat und sich durch enge Netzwerke zu NPD- und AfD Funktionären auszeichnet. [7] So ist Torben Braga, ehemaliger Sprecher der deutschen Burschenschaft, inzwischen Bundestagsabgeordneter der AfD und Höcke-Vertrauter und orchestrierte den unwürdigen Auftritt eines AfD Alterspräsidenten bei der Konstituierung des Thüringer Landtags, welcher als „Tiefpunkt des deutschen Parlamentarismus“[8] angesehen werden kann. Neben den genannten Greifswalder AfD-Burschenschaftlern ist auch Enrico Komning, AfD-Bundestagsabgeordneter, Mitglied der Rugia. Auch Rigolf Hennig, ehemaliger NPD-Politiker und Holocaustleugner, war Mitglied der Rugia. Der Fall Halemba aus Bayern zeigt ebenfalls eine Verbindung zwischen AfD und rechtsextremen Burschenschaften. Halemba hat SS-Losungen in seinem Burschenschaftszimmer ausgehangen und wird wegen Volksverhetzung angeklagt.[9]

In solchen Burschenschaften findet sich die „akademische Elite“ der neuen Rechten, die innerhalb der AfD schnell Karriere machen und die Partei lenken. Diese Organisationen müssen als das benannt werden, was sie sind: Rechtsextreme Vorfeldorganisationen eines neuen drohenden deutschen Faschismus. Wenn jemals neue Rassengesetze in Deutschland geschrieben werden, könnten sie aus den Federn burschenschaftlicher Juristen stammen. Hier darf also nichts verharmlost oder beschwichtigt werden. Diese Burschen sind auch nicht teilweise rechtsextrem. Der organisierte Rechtsextremismus nutzt solche Burschenschaften, als Kaderschmiede und es ist völlig inakzeptabel, dass ein Staatsekretär und Bundestagsabgeordneter Amthor jemanden als Büroleiter beschäftigt, der für Jahrzehnte Mitglied eines solchen Verbandes war. Daran ändert auch der kurzfristige Austritt des Amthor-Büroleiters aus der Burschenschaft nichts. Amthor muss sich von dieser Personalie lossagen oder selbst zurücktreten.


[1] https://www.nordkurier.de/regional/mecklenburg-vorpommern/burschenschaft-und-bueroleiter-afd-verteidigt-amthor-3854678

[2] https://webmoritz.de/2024/12/09/die-burschis-die-dich-vertreten/

[3] https://www.ostsee-zeitung.de/lokales/vorpommern-greifswald/greifswald/philipp-amthor-unter-druck-bueroleiter-war-in-umstrittener-burschenschaft-S4EQWFBVKJFPVLHZCO773TW54Q.html

[4] https://www.endstation-rechts.de/news/neue-rechte-zu-gast-bei-burschenschaft

[5] https://www.spiegel.de/lebenundlernen/uni/burschenschaften-verfassungsschutz-ueberprueft-zwei-verbindungen-in-greifswald-a-1264223.html

[6] https://katapult-mv.de/artikel/der-iii-weg-zu-gast-bei-greifswalder-burschenschaft/

[7] https://www.tagesschau.de/investigativ/report-mainz/afd-burschenschaften-100.html

[8] https://www.deutschlandfunk.de/politologe-brodocz-bewertet-chaos-im-thueringer-landtag-als-tiefpunkt-des-deutschen-parlamentarismus-100.html

[9] https://www.tagesschau.de/inland/regional/bayern/br-afd-politiker-halemba-muss-vor-gericht-100.html?at_medium=tagesschau&fbclid=IwQ0xDSwMUGRFleHRuA2FlbQIxMQABHscbgGadumgr0saMRLMniCnWI-O3aRagrDGB7j4lVPjgK3lY_9815cLrja9D_aem_xXmz29bC27pyGNMsn2dR5Q